Mein Hund ist taub - Was nun?
Die Diagnose „taub“ trifft viele Menschen zunächst völlig unerwartet. Plötzlich steht die Frage im Raum, ob der Hund nun eingeschränkt ist, ob er noch lernen kann oder ob sein bisheriges Leben überhaupt noch möglich sein wird.
Tatsächlich leiden viele Hunde deutlich weniger unter ihrer Taubheit als ihre Menschen unter der Diagnose.
Hunde erleben ihre Umwelt nicht nur über das Gehör. Sie orientieren sich über Gerüche, Bewegungen, Gewohnheiten und ihre Erfahrungen. Fällt das Hören weg, müssen sie sich zwar umstellen – doch viele Hunde meistern das erstaunlich gut.
Was sich verändern kann
Je nachdem, ob ein Hund von Geburt an taub ist oder sein Gehör erst im Laufe des Lebens verliert, können die Auswirkungen unterschiedlich sein.
Manche Hunde wirken zunächst unsicher oder erschrecken leichter, wenn sie berührt werden. Andere orientieren sich plötzlich stärker an ihren Menschen, anderen Hunden oder suchen häufiger Blickkontakt.
Im Alltag können insbesondere folgende Situationen eine neue Herausforderung darstellen:
- Der Hund hört keinen Rückruf mehr.
- Geräusche als Orientierungshilfe fallen weg.
- Der Hund bemerkt Menschen oder Hunde möglicherweise erst später.
- Überraschende Berührungen können erschreckend sein.
- Freilauf muss unter Umständen neu bewertet werden.
All das bedeutet jedoch nicht, dass ein erfülltes Hundeleben nicht mehr möglich ist.
Wie Hunde trotzdem lernen
Auch taube Hunde können neue Signale lernen und bereits bekannte Verhaltensweisen weiterhin zuverlässig zeigen.
Anstelle von Hörzeichen können beispielsweise genutzt werden:
- Handzeichen / Sichtzeichen
- Körpersprache
- Lichtsignale
- Berührungssignale
- Vibrationshalsbänder (natürlich ohne Strom/Sprüh/Schreckfunktion)
Je eindeutiger und verlässlicher die Signale sind, desto leichter kann sich der Hund orientieren.
Was deinem Hund jetzt helfen kann
Viele Hunde profitieren davon, wenn ihr Alltag etwas vorhersehbarer wird.
Hilfreich können sein:
- freiwilligen Blickkontakt belohnen
- feste Rituale schaffen
- sichere Freilaufmöglichkeiten nutzen
- den Hund nicht überraschend berühren
- Begegnungen vorausschauend gestalten
- neue Signale in Ruhe aufbauen
Dabei geht es nicht darum, jede Situation zu kontrollieren. Vielmehr helfen Orientierung und Verlässlichkeit dabei, dass sich der Hund weiterhin sicher fühlen kann.
Was viele Menschen überrascht
Taubheit bedeutet nicht Leid. Viele Hunde spielen, lernen, erkunden ihre Umwelt und genießen ihr Leben genauso wie zuvor. Häufig müssen vor allem die Menschen lernen, die Situation neu einzuordnen und Vertrauen in die Fähigkeiten ihres Hundes zu entwickeln.
Auch mein Hund Merlin ist im Alter von etwa zwölf Jahren taub geworden. Zunächst fiel das kaum auf, weil er sich im Alltag stark an den anderen Hunden orientierte. Da wir bereits zuvor sowohl Hör- als auch Sichtzeichen genutzt hatten, mussten wir die Sichtzeichen lediglich gezielt auffrischen. Den Freilauf haben wir vorübergehend pausiert, bis er wieder regelmäßig Blickkontakt aufnahm und sich zuverlässig über Sichtzeichen orientieren konnte. Für zusätzliche Sicherheit trägt er heute ein GPS-Gerät.
Aktuell begleite ich außerdem einen Hund, der mit vier Jahren sein Gehör verloren hat. Die Veränderungen wurden zunächst im Alltag und in einigen Trainingssituationen sichtbar und später tierärztlich bestätigt. Für die Menschen stellte sich schnell die Frage: Wie kommuniziere ich mit meinem Hund, wenn er mich gerade gar nicht anschaut?
Gemeinsam haben wir deshalb ein Vibrationshalsband sorgfältig aufgebaut. Durch kleinschrittiges Training lernte der Hund, die Vibration nicht als unangenehm zu empfinden, sondern als Hinweis: „Schau dich einmal um.“ Anschließend können Sichtzeichen eingesetzt werden. Heute zeigt er jeden Tag, wie anpassungsfähig Hunde sein können, wenn wir ihnen Zeit, Verständnis und passende Unterstützung geben.
Ein Beispiel aus dem Training
Im folgenden Video siehst du die ersten Schritte beim Aufbau eines Vibrationshalsbandes. Ziel ist nicht, den Hund zu erschrecken oder zu kontrollieren, sondern ihm ein neues Orientierungssignal anzubieten.
Zu Beginn wird das Halsband bzw. die Vibration zunächst positiv verknüpft. Anschließend lernt der Hund, dass auf die Vibration etwas Angenehmes folgt. Erst später kann daraus ein Signal entstehen, das dem Hund sagt:
"Schau dich einmal um."
Ein neuer Weg – nicht das Ende
Die Diagnose Taubheit verändert manches. Sie bedeutet jedoch nicht, dass ein Hund weniger Lebensqualität haben muss.
Mit etwas Geduld, passenden Trainingsansätzen und einem verständnisvollen Umfeld können taube Hunde ihren Alltag oft erstaunlich selbstständig und sicher meistern.
Manchmal beginnt genau dort etwas Neues: ein bewussteres Miteinander, eine andere Art der Kommunikation und die Erkenntnis, dass Hunde oft viel anpassungsfähiger sind, als wir ihnen zutrauen.
Du bist mit der Diagnose gerade erst konfrontiert worden?
Viele Menschen fühlen sich zunächst unsicher und wissen nicht genau, welche Veränderungen auf sie und ihren Hund zukommen. Gerne begleite ich euch dabei, passende Wege für euren gemeinsamen Alltag zu finden.
